Aus dem Leben

Warum wir Katertage brauchen

Ein Hoch auf den Tag nach dem Exzess.

Wenn beim Aufwachen der schlechte Atem durch die pelzigen Zähne pfeift und der Kopf Karussell fährt, während er den müden Körper langsam mit Erinnerungen an die abendliche Festivität bombardiert, beginnt ein ganz gewöhnlicher Katersonntag. Dann „nie wieder Alkohol“ zu denken, ist irgendwas zwischen Selbstsbetrug und Reue und eigentlich überflüssig.

Alkohol ist ein Nervengift, das trichtern uns im Laufe eines Lebens jeder Ernährungsratgeber, jede erzieherische Instanz und die eigene Erfahrung und Gewissen ein. Wir wissen Bescheid um die alkoholinduzierte Verstimmung am nächsten Tag, wenn der Dopamin- und Serotoninspeicher geleert wurde und wir uns mit den Frustrationen des eigenen Daseins befassen müssen. Bierbauch, Fettleber, Saufpickel und als Langzeitfolgen Nervenschäden sind keine erfreulichen Begleiterscheinungen von zu häufigen zu feuchtfröhlichen Abenden. Das alles wissen wir, und die meisten von uns schauen ab und zu dennoch zu tief ins Glas.

Gleichzeitig leben wir so gesundheitsbewusst wie noch nie. Knapp zwei Drittel der Österreicher*innen achten auf eine ausgewogene Ernährung. Wohlstand und Prestige äußern sich abnehmend in teuren Rolexuhren und Sportwagen, dafür zunehmend in gesunder Lebensführung und Ernährung. Ein neuer Trend zeichnet sich ab, Healthy Wealth, kurz Whealthy. Gesundheitsbewusstsein ist so hoch im Kurs und da liegt es nahe, dem Gesundheitsschänder Alkohol am besten gänzlich zu entsagen.

Dabei sind Katertage ein willkommenes Gegengewicht zur leistungsorientierten Existenz termingeplagter Zeitgenoss*innen. Die Selbstoptimierung und der Zwang, produktiv sein zu müssen werden dann nämlich aufgrund körperlicher Gebrechlichkeit auf Null geschraubt, weil der alte Kadaver keinen Schritt aus dem Bett ohne Wanken schafft. Alles kann, nichts muss, und am Ende des Tages kann man eben gar nichts, außer Suppe löffeln, Binge Watching und dem Kopfweh beim Vorbeiziehen zuschauen.

Der Katertag ist ohne Reue und schlechtes Gewissen über die nicht genutzt Zeit ein Tag der Selfcare. Soziale Verpflichtungen dürfen vernachlässigt und eigene Vorschriften über das tägliche Leistungspensum vergessen werden. Wir dürfen endlich anspruchslose Serien genießen, stundenlang durch Memeseiten scrollen und den Abwasch vernachlässigen. Die Erholungsphase nach dem Absturz ist quasi der Freifahrtschein für die Freiheit des Müßiggangs. In keinem anderen Moment, auch nicht im Urlaub, lässt es sich so hemmungslos nichts tun wie dann, wenn der Exzess den eigenen Körper an die Grenzen getrieben hat.

Da mag man natürlich einwerfen, wie erbärmlich es ist, sich wissentlich zu vergiften, um anschließend gewissenlos auskurieren zu dürfen. Aber hin und wieder braucht es eine felsenfeste Argumentation vor sich selbst, um das schlechte Gewissen über den Kontrollverlust zu stillen. Weil Katertage Kontrollverlust bedeuten, und das vielleicht symptomatisch für eine zeitgemäße Haltung ist, die bis in die eigene Gesundheitsvorsorge von höchster Kontrolle bestimmt wird. So sind Katertage letzten Endes eine willkommene Auszeit, wenn man sich mit der Welt da draußen zu schnell dreht. Und am nächsten Tag fühlt sich der Schritt in die Morgenluft wie eine Wiedergeburt an. Ohne Kater.